Gerhard Schäuble -
Identität und Lebensführung
(Der Text ist erschienen in: Eva Gösken, Matthias Pfaff, Hgg.,
2003: Lernen im Alter - Altern lernen, Oberhausen, Athena-Verlag, S. 56
- 74 -
nur für den privaten Gebrauch!)
1. Der Anfang ist ohne Namen
In alle Richtungen ist es tiefschwarz dunkel und nichts
Identifizierbares
ist zu erkennen. Leise atmend schaue ich in die undurchdringliche
Schwärze.
Mir ist kalt und feucht und ich fühle mich schwach. In mir funkt
ein
Impuls, mich in dieser Dunkelheit vorwärts zu bewe-gen. Mit
geschlossenen
Augen. Langsam, in gebückter Haltung kriechend, greife ich
ta-stend
in Furchen und ziehe mich eine schräge Felsplatte hoch. Ein
selbstreguliertes
Wech-selspiel von Körperbewegungen und feinsensorisch
erspürten
räumlichen Bedingungen. Um-fangen von einem feuchten, moderigen
Geruch
taucht oben an der Felskante ein schwach flackernder Lichtschein auf.
Ich
richte mich etwas auf, öffne die Augenschlitze und erkenne ein
kleines,
im Wind hüpfendes Leuchten. Ein kleines Teelicht erschafft um mich
einen kontrastreichen Raum. Im Widerschein der Kerze spiegeln sich
schemenhaft
riesige Felsen, dazwischen tiefe Spalten, ein unebener felsiger
Untergrund
und Abzweigungen, die in die Tiefen des unterirdischen
Höhlenlabyrinths
weisen. Wild tanzt mein Körperschatten mit dem Wind und der
Kerzenflamme.
Oben auf der Felsplatte sitzt unbewegt ein Mensch und schaut mir ruhig
zu, wie ich aufrecht auf das kleine Licht zugehe und weiter an ihm
vorbei.
Wortlos nehmen wir sinnlich und wach unsere Anwesenheit wahr. Ich bin
auf
dem Weg nach draußen. Der Mensch ist ein Wächter, der hilft,
wenn Begleitung gewünscht wird. Nach einer endlosen Zeit, ich habe
mich zeitlupenlangsam mit Stehpausen dazwischen, vorwärts bewegt,
zeigen sich weitere kleine Teelichter. Sie weisen dem Krabbelnden den
Weg.
Zeit gibt es noch nicht. Vielleicht dauert die Bewegung nach
draußen
bereits eine Stunde. Vielleicht sind viele Stunden vergangen, seit der
Bote mir das Lichtsignal zur Rückkehr gegeben hat. Seither bin ich
auf dem Weg ins Licht. Ich folge allein dem schwa-chen Impuls in mir,
weiterzugehen.
Seit sechs Tagen habe ich nichts gesprochen, seit 16 Tagen nichts
gegessen,
seit sechs Mo-naten stelle ich mich intensiv auf den einen Moment ein.
Kein Gedanke daran, dass ein klei-nes Ich sich in einem Prozess mit dem
Namen 'Der blaue Tod' initiiert. Jahrhundertelang war der blaue Tod ein
Stammesritual für Menschen jenseits der Lebensmitte. Voraussetzung
war, dass sie über so viel Erfahrung verfügten, dass sie vom
Anpassungszwang entpflichtet werden konnten. Wenige Stammesmitglieder
gelangten
in dieses Stadium und nur einige stellten sich der Prüfung und
noch
weniger durchlitten die ganze Prozedur. Heute ist daraus, dank des
Übersetzers
Jabrane, der gleichermaßen modern wie archaisch sozialisiert
wurde,
eine individuelle Selbstprüfung entstanden. Jetzt bin ich
ausgefüllt
von einer unendlichen, kontextfreien, stillen, leeren Anwesenheit.
Darin
kreist kein Gedanke, kein Erinnern, keine kreativen Ideen,
Überlegungen,
Wünsche, Pläne, Sorgen. Ich bin fassungslose, existentielle
Leichtigkeit
in einer sinnlich spürenden Wahrnehmung. Mit jedem Schritt nach
vorne
ver-schwindet mit dem Abheben des Fußes der Boden unter meinen
Fuß
und wie durch ein Wunder berührt er mich mit jedem Auftreten neu
unter
meiner Fußsohle. In Windungen und um schroffe Felswände
herum
folge ich den kleinen flackernden Lichtern bis ich zu einem
plateauartigen
Felsvorsprung komme.
Seitlich links vor mir sitzt im Halbdunkel ein weiterer Helfer, neben
ihm liegt ein längeres Seil. Eine Erinnerung taucht auf. An diesem
Seil habe ich meinen Körper vor drei Tagen mühevoll hoch und
über den Felsvorsprung gezogen. Ich wurde in dieses
Höhlenlabyrinth
geführt, um symbolisch und körperreal für 72 Stunden in
den Uterus von Mutter Erde ein-zugehen. Ich hatte es eilig gehabt nach
der langen Vorbereitungszeit, den Besuchen auf der Pflegestation, im
Krankenhaus,
den Nächten auf dem Friedhof, den vielen kleinen Prüfun-gen
auf
dem Weg zur Höhle. Ungeduldig wollte ich schnell über das
weite
Felsgeröllfeld da hinein, wo ich mich zur Ruhe setzen konnte - und
erlebte, dass die Regeln (sofern es welche gibt) undurchschaubar
komplexen
Mustern folgen. Jetzt liegt das Felsgeröll wieder vor mir - und
ich
komme innerlich vollkommen still aus der anderen Richtung.
Die zwischen einem halben bis drei Meter im Durchmesser großen
Felsbrocken unterhalb des Felsplateaus liegen zwischen dem Eingang der
Höhle und reichen bis zu dem im abso-luten Dunkel liegenden
Felsvorsprung
in der Höhle. Der Helfer nickt mir beim Kommen wortlos zu, ich
blicke
grüßend zurück in seine Augen. Ich bücke mich,
setze
mich auf den Boden, drehe mich um, schiebe meine Beine über den
Felsrand
und mein Körper sinkt gleitend nach unten. Während ich dabei
bin, höre ich sich entfernende Schritte. Jetzt muss mir der Helfer
das Seil reichen, damit ich daran in die Tiefe hinunterschwebe. Ich
halte
mich mit den Fingern am Felsrand fest. Vor mir sehe ich in
unerreichbaren
zwei Metern Entfernung das Seil. Der Helfer ist weggegangen und die
Situation
ist klar. Kein Seil, kein Helfer, unter mir der Abgrund. Ich versuche
mich
hochzuziehen. Keine Chance, zu wenig aktualisierbare Arm- und
Fingerkraft.
Meine Schuhe suchen an der nassglatten Wand einen Halt und finden
keinen.
Meine Arme werden länger, aber die Finger halten mich an der Wand
und beginnen zu schmerzen. Die Felssteine unter mir bewegen sich nicht.
Eine kleine Ewigkeit geschieht nichts, scheinbar gar nichts. Der
Körper
schwitzt leicht. Kein Wider-stand entsteht, während der
Körper
sich weiter in die Länge dehnt. Die schmerzenden Fin-ger halten
mich
nicht mehr. Sie geben einfach nach und ich falle in die Tiefe. Ich
spüre
den harten Schlag beim Aufprall des Körpers auf die Felsbrocken.
Völlig
klar und gleichzeitig ohne jede gefühlsmäßige Regung
prallt
der Leib auf. Die Wucht des Falls schlägt mich hart zurück
auf
den Rücken. An dem hängt der Rucksack. Darauf knallt es mich
und stoppt mich weich. Hingeplumpst liege ich da, staunend, wach, kein
Schmerz, schwer atmet sich die verbrauchte Energie aus und die Lungen
saugen
neuen Atem ein. In mir ist alles noch genau so wie oben zwischen den
Felsspalten:
Dunkelheit, Leichtigkeit und in mir wie ein Funke der helle Impuls,
mich
weiter nach draußen zu bewegen.
Beim Aufstehen rutscht knickend mein Fuß in eine Spalte zwischen
den Felsbrocken und klemmt fest. Ich ziehe und rüttele und da sich
nichts löst, halte ich erschöpft inne. Dann drücke ich
etwas
nach unten, nach links und rechts, ohne Erfolg. Der Fuß ist wie
eingemei-ßelt
festgezwängt, also entspanne ich mich und mache eine Pause. Ich
ziehe
ihn hoch, ein-fach so, und setze ihn mit leichtem Staunen auf, drehe
mich
in die Gehrichtung um und sehe gebannt überrascht in die Brillanz
eines silbernen Blitzes. Sofort schließen sich die geblen-deten
Augen,
beinahe falle ich wieder um. Nach dieser inneren Explosion muss sich
mein
Gleichgewicht stabilisieren, ausbalancieren. Ich schaue auf den dunklen
Boden und erhebe langsam und vorsichtig blinzelnd den Blick über
das
weite Felsenfeld nach oben in Richtung dieses silbern fließenden
Glanzes. Unglaublich diese gleißende Helligkeit, dieser
lichtdurch-flutete
Schein des Tageslichts. Mich durchströmt die unmittelbare Kraft
einer
unfassbaren strahlenden Brillanz. Lange stehe ich da und schaue -
erfüllt
und erschauert vor der Gewalt und Mächtigkeit des die Dunkelheit
durchdringenden
Lichts. Achtlos habe ich es viele tau-send Mal gesehen, und jetzt
erlebe
ich bewusst zum ersten Mal, wie die Intensität des Son-nenlichts
in
der dunklen Nacht eine durchdringende silberne Helligkeit erscheinen
lässt
und sie dadurch transformiert, die Welt und mich für mich
erscheinen
lässt. Ist das schon das Höhlenende? Der Impuls zum
Weitergehen
funkt. Schritt für Schritt taste ich mich glit-schend voran in den
Lichtschein. Mit jedem kleinen Step kristallisieren sich mehr und neue
Einzelheiten heraus. Ich registriere alle mit der Sensibilität
eines
Neugeborenen. Der heu-tige Tag ist bewölkt, im Höhleneingang
steigt der Rauch eines Holzfeuers hoch.
Ohne jedes Mangelbewusstsein erscheinen in mir Gedanken und kleiden
die Präsenz inner-lich in Worte und Wissen. Ich bin was geschieht,
ist dies in mir? Dabei inszeniert sich die Möglichkeit, das
Unfassbare
in den symbolischen Mustern des Bekannten zu gebrauchen. Noch
weiß
ich nichts von der Inszenierung der Bewusstheit als Annäherung an
die Selbster-fahrung. Ich spüre die Energie des Atemstroms im
ganzen
Leib, wie er in mich hineinweht, mich erwärmt und
weiterfließt.
Jedesmal ein einmaliges, unbeschreibliches, durchströmen-des
Verströmen,
verwehendes Lösen durch alle Poren, weiterströmendes
Fließen.
Ich stehe, atme, staune und mache wortlos wieder einen kleinen Schritt.
Ich höre Holzscheite im Feuer knacken und rieche sich im Wind
verströmendes
Harz.
Zeitlos lange dauert es, bis ich am wärmenden Feuer ankomme. Dort
empfängt mich still und intensiv umarmend die Welt, legt ein
Begleiter
seine kräftigen Arme wohlig schützend um meinen geschundenen
Körper. Seine Hand reicht mir einen nährenden Becher Suppe in
die reine stille Freude, die jetzt alles Liebe ist. Die Welt hat mich
und
dieses kleine Ich die Welt wieder gefunden.
2. A = A
Wie erkennen wir uns? Indem wir unsere augenscheinliche Anwesenheit
begrifflich rekon-struieren? Was unternimmt das kleine Ich, um sich
seiner
selbst inne zu sein? Wer oder was macht uns identisch mit uns selbst?
Die
Gene, der Körper, das Wissen? Die Hebamme, die uns beim Fall in
die
Welt beiseite steht? Die uns zeugenden Eltern, deren Namen wir
wei-tertragen?
Die im kulturellen Kollektiv generalisierten anderen? Der Staat, mit
dessen
Iden-titätskarte wir uns ausweisen? Die wechselseitigen
Objektivierungen
von geistig-morali-schen Landkarten? Die Liebenden, die in uns ihre
Lebensfreude
erkennen?
In Wort und Text ist Identität der Begriff der Identität.
Der Begriff der Identität bezeichnet eine Gedankenform, einen
konstruierten
Wortgegenstand, der symbolisch anzeigt, dass der Benutzer des Wortes
damit
semantisch auf sich selbst verweist, sich mittels Zeichen reflek-tiert,
also sprachlich eine subjektive Gleichheit herstellt, vermittelt und
beobachtend
reflek-tiert. Geist und Materie realisieren sich bewußt nur in
leiblicher
Vereinigung. So macht der Mensch sich personal zum Objekt seiner
Betrachtung
und präsentiert diese Beobachtungen inklusive fiktionaler
Zusätze
seiner Selbstvergewisserung als Konzept (-ausschnitte) von sich. In
stetiger
Spannung und Erwartung gewöhnt er sich von klein auf an das
tägliche
Be-kleiden in symbolische, psychomentale Signaturen, die er mit dem
Leben
verwechselt. So-ziale Identitätsanteile zeigen, welche
wechselseitigen
Erwartungen man mit den jeweiligen anderen teilt. Im Engagement mit
anderen
und der Fürsorge um andere realisieren wir Ge-meinschaft. Die
personalen
und sozialen Identitätsaspekte beziehen wir auf kontextgebun-dene
Entwürfe und Vorgaben von Normalität. Die miteinander
konkurrierenden
normativen Normalitätsansprüche in verschiedenen
Lebensbereichen
(wie Familie, Erwerbsarbeit, Öf-fentlichkeit, Konsum, private
Gemeinschaften)
werden individuell aufeinander bezogen und psychisch ausbalanciert. Die
Realisierung des Selbstbildes geschieht in der alltäglichen
Kommunikation
und den alltäglichen Handlungen, in denen wir psychomentale
Momentauf-nahmen
von uns selbst präsentieren. In ihnen verarbeiten wir harmonische,
symbiotische, disparate, inkonsistente, ambivalente, doppeldeutige,
komplementäre,
widersprüchliche und bruchstückhafte Erlebnisse zu einem
Ganzen.
Moderne Menschen distanzieren sich von un-geprüften traditionellen
Ordnungen, normativen Zwängen und transzendenten Fixierungen.
Gemeinschaftlich
verfolgen sie auf der Basis von law und order renditeorientierte
Wachs-tumsideen.
Auch die Persönlichkeit soll wachsen. In den Grenzen von Scham und
Furcht riskieren sie Wahlhandlungen, in denen sie ihre Gier nach
Entladung
befriedigen, mental beschönigt von rationaler
Selbstaufklärung.
Weil sich der soziale Wandel unauflöslich, un-vorhersehbar,
unbestimmbar
und widersprüchlich gebiert, verflüssigt sich Identität
zum Potential individueller Handlungsfähigkeit. Aus Gründen
der
Zurechenbarkeit zwingt die Gesellschaftsordnung die Einzelnen dazu,
sich
die Handlungen und Handlungsfolgen ver-antwortlich zuzurechnen. In
ihrer
Deutungshoheit bestimmen traditional orientierte, anpas-sungsbereite
Menschen
ihre Existenz abhängig von umweltbedingten Anforderungen und
institutionellen
Vorgaben. Für die strategisch und situativ Vorgehenden erscheint
die
gleiche Existenz als fortwährende Gelegenheit zur experimentellen
Entfaltung ihrer Handlungsfä-higkeit.
Identität ist eine psychomentale Bastelei, bei der im Eigenbau
Wert- und Deutungshorizonte erschaffen, erhalten und wieder aufgegeben
werden (können). Darin wird das Selbstver-trauen, das Vertrauen in
die Verlässlichkeit anderer, die eigene Handlungsfähigkeit,
die
Selbstwirksamkeit und das Selbstkontrollbewusstsein ausprobiert,
ausgehandelt,
errungen und erstritten. Alles, was eine Person ist, woran sie
beteiligt
ist, was sie erwirbt oder ihr zugeschrieben wird, kann
identitätsbildend
verwendet werden. Im Kontext selbstgewählter und vorgefundener
Beziehungen
ringen die Einzelnen um die Anerkennung ihrer Vorstel-lungen von sich
selbst
- dazu gedrängt, sich weg vom Ortlosen zu bewegen, um sich selbst
verbessernd neu zu erfinden. Ihre Positionierungen in Bezugsgruppen und
sozialen Netz-werken konkurrieren mit der Verortung in
'größeren'
gesellschaftlichen Institutionen. Le-benslang sind alle damit
beschäftigt,
in geistiger Tätigkeit die Erfahrung von Kohärenz und
Kontinuität
zu balancieren. Kontinuität wird u. a. durch das Einordnen von
Erfahrungen
in die lineare Zeit erzeugt. Veränderung setzt immer etwas
Gleichbleibendes
voraus. Ich muss der Täter meiner früheren Taten sein. Das
Gleichbleibende
ist das innerlich beobachtete, daher bewusste Gefühl, durch alle
inneren
und äußeren Veränderungen eine existentielle
(integrierte)
Einheit zu sein. Durch alle Wechsel blickt immer dieselbe Person.
Dieses
Ge-fühl realisiert sich zeitlos im Augenblick der Gegenwart als
Präsenz.
Als Personen gebrau-chen wir uns in einer lebenslangen,
interdependenten
Entwicklung mit der Umwelt und be-finden uns gleichzeitig ohne
Unterbrechung
im uferlosen Gefühl existentiellen Selbsterle-bens. Im konstanten,
unmittelbaren Selbsterleben kann nichts altern! Wer einen Teil seiner
Aufmerksamkeit
willentlich auf das Training seines Körpererlebens ausrichtet,
erlebt
eine innere Seinsqualität, deren bewusste Wahrnehmung ihn/sie von
den biographisch bedingten Konstruktionen (relativ) befreit. Menschen
erzeugen
eine fiktionale, narrative Identität, in-dem sie subjektiv im
Lebensverlauf
Erlebtes aus der Erinnerung als sinnhafte, in Etappen gegliederte
Folgen
von Ereignissen, Wendungen und Abläufen erzählen. Ordnend,
bearbei-tend
und begreifend konstruieren sie ihren erinnerten Lebensverlauf als
Biographie.
Die dadurch erzeugte Konstanz der sozialen Selbstachtung kann auf
Erfreuliches
verweisen, das man nicht mehr zu ändern braucht, aber ebenso auf
Unangenehmes,
das man aus traumati-sierter Abwehr, Scham, Furcht, Trotz,
Selbstmitleid
u. a. nicht mehr zu ändern wagt. Jede persönliche Wahrnehmung
beruht auf einer selektiven Wahl von Annahmen. Die
Intentio-nalität
jeder Geistestätigkeit erlaubt den Einzelnen vielfältige,
variable
Situationskonstruk-tionen. Abhängig von den vorausgesetzten
Annahmen
ist für den einen eine gegebene Situa-tion eine willkommene
Gelegenheit
zur Selbstrealisierung, für den anderen ein ihn unaus-weichlich
ergreifendes,
ihm widerfahrendes Zustoßen.
Wir fühlen uns kohärent, wenn es uns gelingt, die
verschiedenen
persönlichen Aufmerk-samkeitsperspektiven zu einer ausbalancierten
Gesamtschau zu bündeln. Als Orientierungs-folien benutzen wir die
unübersichtlichen Lebensbedingungen. Wir nehmen sie wahr, deu-ten
sie, nehmen sie an und lehnen sie ab, gewöhnen uns an sie und
fixieren
uns auf sie, denken sie um, ironisieren sie, etc.. Die Virtualisierung
unserer selbst erlaubt uns in der alltäglichen Lebensführung
persönliche Bündelungen von Aufmerksamkeitsperspektiven, mit
denen wir Teilidentitäten (bspw. Genderstrategien, öffentlich
und privat separierte Vor-lieben) hervorbringen (Behringer 1998; Levita
de 2002). Psychologische Modelle gliedern die Horizonteinzäunungen
in Identitätsausschnitte: Ich-Es-Überich (Sigmund Freud),
Kind-Ich/Eltern-Ich/Erwachsenen-Ich
(Eric Berne) Bewusstes-Unbewusstes (Milton Erickson), das innere
Parlament
(Gunther Schmidt). Worin finden diese geistigen Spiele statt?
Um sich selbst in seinen wechselnden Formen zu erleben, kreiert das
formlose Sein die vielen sich separat erlebenden Einzelwesen in ihren
tanzenden
Bewusstseinsformen. Im Akt des selbstreflexiven Benennens machen wir
aus
der unberührten Stille eine begrenzte, ein-gezäunte,
besetzte,
registrierte, gezähmte, gefesselte, geordnete, definitiv fixierte
Identität im Fluss der Zeit. Wir denken uns selbst und mit der
gedanklichen
Verdoppelung unserer Anwesenheit, die in Wirklichkeit eine geistige
Neukonstruktion
innerhalb der Formlosigkeit ist, imputieren wir in uns fiktive,
symbolische
Identifikationszenarien. Mit den Resultaten der fiktionalen
Selbstbeobachtungen
ersetzen wir die Fassungslosigkeit des Unbegrenzten durch geistige
Trivialisierungen
und Routinen, mit denen wir unseren Erscheinungen Konti-nuität und
Kohäsion verleihen. Wir ignorieren die stille Anwesenheit des sich
entfaltenden Potentials des Augenblicks und besetzen mit unserer
Selbstobjektivierung
ein kleines Revier der Person, kolonialisieren, versklaven den Fluss
des
Lebens mit den metaphysischen Hand-schellen dessen, der sich und seine
persönliche Welt denkt, sich herausnimmt aus dem offe-nen Herzen
und
damit für sich ermöglicht, sich selbst in der von ihm
gedachten
Form mit dem Machtinstrument des Geistes in Ordnung zu bringen und zu
gebrauchen.
Wir fixieren kommunikativ unseren psychomentalen Filmprojektor auf den
Standbildmodus und gaukeln uns im lokal abgegrenzten Schauen die
strukturelle
Berechenbarkeit des Lebens vor.
Als Wirkung der Personalisierung des Erlebens erfahren wir eine
Einzigartigkeit,
die sich von einem Teil des Gegenwärtigseins trennt und sich in
dieser
Abspaltung lokalisiert. Das sich isoliert denkende Ich trennt die
zeitlose
Präsenz in ein körpergebundenes, gedachtes Ichgefühl und
seine Umwelt. Um diese Verneinung der Realität aufrechterhalten zu
können, muss das Ich ja sagen zu seinen auf Vorstellungen
basierenden
Realitätskonstruktionen. Formallogisch beschreiben wir diese Art
des
reflexiven Gebrauchs unserer selbst für uns und andere mit der
Gleichung
A = A. Im Hier und Jetzt bin ich einmal
körpergefühlsmäßig
da und vollkommen identisch zugleich das, womit ich mich
augenscheinlich
in der Welt präsentiere und namentlich identifiziere. Indem ich
für
mich (willentlich) keine weiteren Ursachen zulasse als die
Tätigkeit
meines Selbstbewusstseins, in der ich mich selbst refle-xiv
identifiziere,
ernenne ich mich imaginativ zum Bewirker meiner selbst und begreife
mich
in diesem Reservat als frei von allen weiteren Einbindungen. Allerdings
existiert die-ses zur Selbstbestimmung bestimmte Ich nur unter der
Bedingung
von Wechselbeziehun-gen mit anderen freien Bewusstsein-Reflektierenden,
die in ihrem (willentlichen) Refle-xionsvermögen mit ihm identisch
sind und ihn und sich in interaktiven Bildungsprozessen als
Verschiedene
erzeugen. Die Ignoranz gegenüber der Identität von Innen- und
Außenwelt zwingt die sich separierenden Einzelwesen dazu,
ständig
individuell zu beschreiben und zu organisieren, wie ihre individuelle
Erfahrung
sein soll. In außengeleiteter Selbstüberein-stimmung
träumt
sich das Herdentier Mensch im Reservat kultureller suggestiver innerer
Perspektiven, aus denen es sich Erfolg, Macht, Lust, Besitz, Wissen,
Anerkennung,
Sicher-heit, Solidarität, Geborgenheit, Zugehörigkeit etc.
verspricht.
Es lernt, sich vor seinen un-konditionierbaren inneren Impulsen und
Triebkräften
zu schützen, indem es lebenslang seine gesellschaftlich
konditionierte
Ratio trainiert und sich in deren Grenzen abschottet. Viele reduzieren
ihre Aufmerksamkeit auf das Bewirken von äußeren Wirkungen.
Die innere Ar-beit der Selbsterforschung bleibt ihnen unbegreiflich
fremd.
Um sich selbst zu gebrauchen ( A = A ) erfindet und benennt die sich
in der Welt konstel-lierende, jedoch sich zugleich von der Welt
separierende
Perspektive lokalisierbare (begrifflich separierbare) Räume, Orte,
Dinge, Körper und teilt den Fluss des sich Ereig-nens in
Geschwindigkeiten
und Positionsabschnitte ein. Identität als individuelle
Besonde-rung
von der Einheit der Welt als Ganzem benötigt das Vorhandensein der
Konzepte von Raum und Zeit. Sprache, Raum, Körper, Zeit,
Identität
sind keine physischen Eigenschaf-ten, sondern gedankliche
Konstruktionen,
gebunden an konventionell vereinbarte Regeln. Wir fordern jedes
Neugeborene
auf, sich in diesen kulturellen Regeln, Zeichen und semanti-schen
Konventionen
einzubetten und sich darin als subjektivierte Identität zu
gebrauchen.
Bei ihrem Gebrauch bauen sich die Menschen geistige Gärten in Form
von Identitätskon-zepten, in denen sie mit Geistesverwandten
hausen.
So entsteht zwangsläufig in ihnen die Angst der einsam
Ausgesetzten.
Andere verwenden ihre Fähigkeit zur symbolischen Selbstreferenz
zur
Virtualisierung ihrer Aufmerksamkeit und spielen ironisch mit Modulen
kontextuell
beliebig auswechselbarer Selbstbezeichnungen. Alle reduzieren ihre
Maskerade
auf Spiele innerhalb der Gleichung. Geschickte Spieler wechseln
ständig
die Seiten, so dass sie immer da sind, wo sie gerade niemand vermutet
(wie
der Igel im Wettstreit mit dem Hasen). Sie sparen die Frage nach der
Entstehung
und bodenlosen Flüchtigkeit ihrer Identi-tätsgleichung
bewusst
aus. Sie entziehen sich der Namenlosigkeit ihres Existierens, und so
verschwindet
diese völlig aus ihrer Weltauffassung. Gefasst spielen sie ihr
Leben
auf den Feldern symbolischer Personenbezüge. Sie definieren sich
und
die Welt persönlich, per sonare, durch den Klang ihrer Stimme. Sie
lassen ihren Gedankenstrom stimmlich durch ihre Muskelhautmaske
erklingen.
In ihrer subjektiven Deutungshoheit begreifen sie ihr Handeln als
Praxis,
die sich selbst genügt (Muße, Steckenpferde) oder als ein
engagiertes
Tun, das Werke produziert. Immer wollen sie Diskrepanzen beseitigen.
Ihr
Wollen zielt darauf, sich und die Welt in den gedanklichen Griff zu
bekommen.
Ständig wollen sie mit ihren Aktivitäten die Welt vom
gedachten
Ist-Zustand zu einem als richtig definierten Soll-Zustand bewegen. Nur
in äußersten Ekstase-, Glücks-, Not- und
Krisensituationen
ziehen sie ihr Nein zum Gewahrsein zurück und sind kurzfristig
bereit,
sich dem, was geschieht, vertrauend hinzugeben. Doch kaum hat die
Erfahrung
von Vergeblichkeit und Resignation den subjektiven Geist wieder
geerdet,
initiiert er heroisch von Neuem seinen intentionalen Leistungszwang.
Dabei
übersieht er, dass er lediglich ein aktiver Akzent von
kontinuierlich
sich modifizierenden Situationen ist, in denen transformative Tendenzen
angelegt sind, die darauf warten, stattfinden zu können. Mit
minimalen
strategischen Eingriffen transformie-ren sich die Antagonismen jeder
Situation
in unberechenbaren Wendungen und vollbringen in diesem Produktiv-Werden
die Selbstrealisierung der Schöpfung (vgl. Jullien 1999).
Soziologisch bezeichnet das linke A die menschliche
Individualität,
das rechte A die menschliche Subjektivität. Simmel unterscheidet
den
Individualismus der Einzelheit als Individualität von der
Einzigartigkeit
der Subjektivität. Nach ihm bilden seit dem 18. Jahr-hundert die
Menschen
eine subjektivierte Individualität heraus. Der menschliche
Intellekt
formt die Mannigfaltigkeit der Sinneseindrücke zu Einheiten, und
dadurch
wird der Intellekt selbst zu einem nicht von empirischen Sachverhalten
geformten Ich. In ihren Möglichkeiten und Bedingungen sind sich
alle
diese Ichvorstellungen tendenziell gleich. Im Laufe des Le-bens
etabliert
sich eine innere biographische Subjektivität als individuelle
Besonderheit,
weil die Menschen ihre Aufmerksamkeit auf der Basis des
Körpererlebens
verschieden ausrichten. Die Menschen ziehen zusätzlich zur
direkten
Wahrnehmung von Erscheinungen und Erfah-rungen selektiv vergleichend im
Gehirn gespeicherte Erinnerungen heran. Im subjektiven
Körpererleben
werden die Sinneseindrücke nicht mehr nur intellektuell geformt.
Sie
er-scheinen ihnen selbstvergessen als nur noch beobachtet (Simmel 1984;
1999).
Das im subjektiven Körpererleben durch Nachdenken beobachtende
Ich setzt notwendig etwas Absolutes außer sich. Es bewegt sich in
kreisenden Vorstellungszirkeln von materiell vorge-gebenem Sein und dem
subjektiv frei reflektierenden Bewusstsein. Die konventionsgebun-dene
‘biographieeigene’
Identität organisiert sich aus zwei miteinander verbundenen
Grund-haltungen.
Geleitet von rationalen Kalkülen soll nach den Regeln
instrumenteller
Vernunft der persönliche materielle, emotionale, soziale,
geographische,
semantische Bewegungsspielraum ausgelotet und nutzenorientiert auf
eigenes
Risiko und eigene Rechnung erfolgreich gestaltet werden, das Handeln
persönlich,
d. h. reflexiv ethisch verantwortet, methodisch selbstkon-trolliert
metakommuniziert
werden, etc.. Die richtigen Regeln für diese angenommene
Identi-tät
liefert die gesellschaftliche Wissensproduktion, der moralisch
generalisierte
andere, der innere Jedermann. Diese Grundhaltung stilisiert den
Gebrauch
des Ichs als ökonomisches Mittel. Innerhalb der symbolischen
Ordnungen
wird auf eigene Faust gehandelt.
Die andere Grundhaltung bezweckt die ästhetische Etablierung des
‘schönen Ichs’ in der Selbstdarstellung. Der schöne Schein
seiner
selbst, die Inszenierung der Freuden persönlichen Vergnügens,
die symbolische Beschwörung und öffentliche Zurschaustellung
dessen, was man weiß, sein soll und will, soll die Illusion
persönlich
angeeigneter Einzigartigkeit ausdrüc-ken. Die Demonstration
ästhetischer
Selbstaneignung dient nicht der Ausgestaltung der indi-viduellen
Besonderheit.
Sie dient der Selbstmanipulation und der Manipulation der Haltung der
Betrachter,
deren Sinnerlebnis sich in gesteigerter Bewusstheit der Wahrheit nahe
wähnen
soll. Die sehnsüchtig erträumte
Außergewöhnlichkeit
erreicht bestenfalls eine phantasievoll gestylte, konstruierte
Aufführung.
Angesichts verleugneter Transzendenz ist Schönheit ledig-lich
gesteigerte
Bewusstheit, eine Metareflexion der Reflexion der Regeln zur
Generierung
von Annahmen über kultiviertes Sein und Werden. Mittels Reflexion
und ironisierenden Zi-taten macht man die Kriterien von Beobachtung und
Deutung zum Gegenstand inszenierter Beschreibungen und
Interpretationen.
Mit dem anschaulich gemachten Innenleben als offe-nem Kunstwerk
bezweckt
das jeweilige Individuum eine Irritation der anderen, deren
eigen-gesetzlich
reagierendes Gefühlsspektrum mitgerissen werden soll. In
ästhetischen
Sinnese-vents inszenieren sich Pseudogemeinschaften individualisierter
Subjekte. Sie wähnen sich gleichzeitig im vollreflexiven Zustand
ihrer
selbst, eingetaucht in den kosmisch-metaphysi-schen Wesensgrund oder
(auf
Droge) gar symbolisch verschwunden. Doch jede noch so pla-kative,
exzentrische,
idyllische, wissenschaftliche oder empathische Demonstration
symboli-scher
Identität löst sich auf, wenn sich die Aufmerksamkeit am Ende
der Darbietung auf neue Kontexte ausrichtet. In der Gesellschaft der
Aufführungen
erzeugen Erlebnisse schon nach kurzer Zeit überdrüssige
Langeweile,
die nach frischen Erregungsimpulsen ruft. In routinierter
Selbstreferenz
sind sich die Beteiligten einig, in der wechselseitigen Illusionierung
fortzufah-ren (zur historischen Entdeckung des Ich vgl. Dülmen van
2001).
Selbstästhetisierung besteht nicht im ästhetischen Gehalt
der präsentierten individuellen Be-sonderheit. Sie ist nicht der
Inhalt
des vom Betrachter innerlich Wahrgenommenen oder äu-ßerlich
Beobachteten. Ästhetische Selbstaneignung will sich bewusst im
sinnlichen
Erleben der allmählichen Verflüchtigung aller
Erscheinungsformen
als Annäherung an die Zeitlosig-keit seiner selbst begrifflich
vergewissern.
Die Form der Besonderung dient der Kultivierung der
Selbsttäuschung.
Mit der Benennung, Deutung und Reflexion der angestrebten
Individua-lität
verschaffen die Menschen sich durch ihre Formulierungskunst einen
Begriff
für ihre Besonderheit und bestätigen sich, sich in der
Simulation
zu erkennen. Die vom Schein ihrer Begriffe Faszinierten glauben, ihre
symbolische
Individualität ließe sich mit der Inan-spruchnahme von
Dienstleistungen,
durch Konsum, Kommunikation, Bildung, Statusverschö-nerungen,
sozialen,
altruistischen Stilisierungen und anderer kreativer, schmückender
Putz-kunst kosmetisch verbessern. Noch nie ist ein Versuch sozialer
Konstruktion
und kollektiver Inszenierung symbolischer Identität gelungen. Die
Egos sabotieren die urspüngliche Absicht des Selbstgewahrseins,
vernebeln
ihre utilisierende Grundlage, die nur an der ständigen Aus-beutung
und Auswechslung symbolisch kreierter Zeichen, an Labels und Logos
interessiert
ist. Vor dem Schleier der Anpassung an soziale Konstruktionen ist alles
erlaubt, was die Phantasie ermöglicht. Sie wollen sich wie ein
Judomeister
mit dem 7. Dan fühlen? Dann ge-hen sie in das Sportgeschäft
um
die Ecke und binden sich dort einen schwarzen Judogürtel um. In
dieser
Aufmachung kann sie jeder Mensch als Zitat des aufgestiegenen
Judomeisters
sehen. In der ästhetischen Selbsterfindungstat verschmilzt der
einsame
Grenzgänger symbo-lisch mit der Identitätsschablone des
für
real gehaltenen Meisters. So wird gezeigt, wie man sich fühlt. Das
ist Selbstermächtigung im Hier und Jetzt, gleichzeitig innerlich
angetrieben
und gereizt von außen, als Objekt der kommunikativen
Beschreibungen
seiner Umwelt. Deren etikettierenden Normen, Werte, Rollenerwartungen,
Tugenden, Ideale etc. fordern, bieten, versprechen anerkannte,
hochgeschätzte
Identifikationen. Identitätsideen realisieren sich als
Beziehungsideal
zwischen Person und Umwelt. Die Konstellation erlaubt den Schein
innerer
Autonomie bei äußerer Abhängigkeit (Platta 1998).
Öffentliche Beschwörungen von Individualität
übersetzen
das Individuelle in die Bedeutungen kollektiver Symbolik und zwingen
damit
das Individuelle zum Schweigen. In öffentlichen Aufführungen
wird kollektiv der Sieg der inszenierten Individualität gefeiert.
Durch ständig variierende Wiederholung verkommen jedoch die
Schauer
der gemeinschaftlichen Ergriffen-heit bei den suggestiven
Aufführungen
des Außergewöhnlichen zur ironisch kommentierten, sich von
der
Ernsthaftigkeit des ökonomischen Lebens entlastenden Routine. Die
eigene Au-ßergewöhnlichkeit definiert sich in abgrenzender
Abhängigkeit
vom Gewöhnlichen und bin-det sich damit an die
Konventionsfixierung.
Jede Identifikation zieht Abgelehntes im Schatten mit. Inszenierte
Individualität
bedient sich des Gefühls gemeinschaftlicher
Pseudozugehörig-keit.
In den täuschend echten Illusionen und ihren Enttarnungen spiegeln
sich die emotionalen Sehnsüchte nach der Zugehörigkeit zu
Kulissen
und Maskenträgern in Rollenkleidern. Der in seiner subjektiven
Selbstbezüglichkeit
unsichere Mensch verharrt in der Objektivierung seiner konjunkturellen
Moden unterworfenen Distinktionen.
Die Intensität des Bildes entspricht exakt seiner Ablehnung des
Realen, seiner Erfindung einer anderen Szene. Aus einem Objekt ein Bild
zu machen heißt, all seine Dimensionen nach und nach zu
entfernen:
das Gewicht, die Räumlichkeit, den Duft, die Tiefe, die Zeit, die
Kontinuität und natürlich den Sinn. Nur um den Preis dieser
De-Inkarnation
gewinnt das Bild diese Kraft der Faszination, wird es Medium der reinen
Objekthaftigkeit, wird es durchlässig für eine subtilere Art
der Verführung. All diese Dimensionen nach und nach wieder
hinzuzufügen,
die Räumlichkeit, die Bewegung, die Emotion, die Vorstellung, den
Sinn und die Sehnsucht, um es besser, um es realistischer zu machen, um
es sozusagen besser zu simulieren, ist ein vollkommenes
Mißverständnis
des Wesens der Bilder. Und die Technik selbst wird in der eigenen Falle
gefangen (Baudrillard 1998, 22).
3. Identität und Lebensführung
Warum sich geistig zurück in die Stille der ursprünglichen
Quelle bewegen und daraus in der Welt sein? Die aufklärende
Wissenschaft
suggeriert, die Menschen könnten mittels funktional ausgerichteter
alltäglicher Lebensführung und der Anwendung zeitloser
Lebenskunstregeln
das 'ganze' Leben in den Griff bekommen. So wird das Leben zur
immerwährenden,
abwech-selnd gelingenden und scheiternden Suche nach Harmonie,
Schönheit
und Glück gemacht. Soziologisch ist die alltägliche
Lebensführung
die funktionale Integration der Verteilung und Regulierung aller
praktischen
Tätigkeiten zu einem System der Person, das in eigener Regie von
der
Person konstruiert, getragen und ausgeführt wird in Relation zu
allen
äußeren Er-scheinungen, Bedingungen, Prozessen
(Projektgruppe
'Alltägliche Lebensführung' 1995; Ku-dera/Voß 2000;
Hildebrandt
2000; Voß/Weihrich 2001; Weihrich/Voß 2002). Im Konzept der
alltäglichen Lebensführung liegt der Focus auf dem
Arrangement
des Alltags, in dem Tätig-keiten, Routinen,
Regelmäßigkeiten
geformt und (relativ) stabil dynamisch erhalten werden. Die Personen
fühlen
sich bei begrenzter Selbstreferenz an die von ihnen errichtete
All-tagsstrukturierung
gebunden. Sie folgen tagein tagaus der inneren 'Logik' des
eingerichteten
Arrangements, in dem sie Arbeit, Familie, Partnerschaft, Konsum,
Freizeit,
Freunde, Kultur etc. pragmatisch organisieren. Mit der ritualisierten
Handlungsstruktur
erleichtern sie sich psychisch und befreien sich von der Mühe der
Erfindung, Erprobung und Etablierung anderer Gewohnheiten und Routinen,
die kompatibel gemacht, eingepasst werden müssten in das
vor-handene,
bewährte Gefüge von Tätigkeiten, das sich dadurch wieder
verändern und neue Kor-rekturen nach sich ziehen würde.
Solange
keine gravierenden Einschnitte Umstrukturierungen stimulieren,
intensiviert
das im Alltagshandeln entstehende Kompetenzgefühl die emotionale
Loyalität
an das etablierte Arrangement. Im Dreieck von individuellen
Ansprüchen,
aktueller Selbstwahrnehmung und den Erwartungen anderer wird das
institutionaliserte
Handlungssy-stem als verlässliche, vorhersehbare, umfassende
Vereinnahmung
des Lebens realisiert.
Zeitlich realisiert sich die Lebensführung aus zwei Perspektiven.
Zum einen aus der synchro-nen Sicht der alltäglichen
Wechselwirkungen
(die Lebensbreite), zum anderen aus der diachronen Perspektive des
gesamten,
einerseits vergangenen, andererseits zur Zukunft hin offenen
Lebensverlaufs
(die Lebenslänge). Die Breite, also die alltägliche
Lebensführung,
kennzeichnet das relativ festgefügte Arrangement der Gesamtheit
aller
einzelnen Alltagstätig-keiten in ihren wechselseitigen
Bezügen
und Verknüpfungen, den eingegangenen Verbind-lichkeiten und
Festlegungen.
Die unaufhörliche Aneinanderreihung der Tätigkeiten wird lose
verbunden mit subjektiv für glaubwürdig gehaltenen Deutungen,
wahrgenommenen Anforde-rungen, Zwängen und kontextgebundenen,
sozialen
Stilisierungen.
Wer von einem Alltagsarrangement freiwillig qua intendierter
Entscheidung
oder mit ausge-handelter Einwilligung oder widerstrebend und gezwungen
in ein neues Alltagsarrangement wechselt, gerät im
Hinübergehen
je nach Ausrichtung seiner Aufmerksamkeit in ein Span-nungsfeld von
Pull-
und Pushfaktoren: Eine Befreiung von energetisch leeren
Rollenhüllen,
die Entbindung von aufgebrauchten Loyalitäten, die Sehnsucht nach
Abwechslung, den Auf-takt zur Realisierung neuer Herausforderungen, die
Hummeln im Hintern beim Aufbruch in vielversprechende, neue Horizonte,
genauso auch Abbruch, Schock, hilflose Not, schmerz-hafter Verlust, in
die Ecke gestellt, verstoßen, ausgesetzt, verunsichert,
gedemütigt,
degra-diert, erniedrigt, vom gewohnten Lebenszusammenhang abgeschnitten
werden. Im Horizont der Lebenslänge veranlassen lebenszyklisch
bedeutsame
Ereignisse, wie die Gründung eines eigenen Haushalts oder die
Berufsaufgabe
eine bewußte Reorganisation der alltäglichen
Le-bensführung.
Typisch für die Übergänge in der Altersphase ist der in
der Regel vorhersehbare, bruchartig vollzogene Wechsel in das
privatisierte,
nachberufliche Alltagsarrangement und später der unmerklich
langsam
schleichende Vorgang der Auflösung der mechanischen Fik-tionen des
subjektiven Geistes. Die Berufsaufgabe löscht die mit der
Erwerbsarbeit
verbunde-nen Tätigkeiten. Die meisten NeurentnerInnen reagieren
darauf
primär mit der zeitlichen Dehnung und Umstrukturierung bereits
praktizierter
Tätigkeiten (Schäuble 1995). Das Erle-ben wird von der
Mischung
der leitenden Annahmen hinsichtlich der persönlichen
Selbst-wirksamkeit
und den Erwartungen an die Leistungen anderer getönt. Wer sich
nicht
für eine Erforschung der Fiktionsmechanismen des subjektiven
Geistes
interessiert, wird sich auf die Anpassung, die kosmetische Vertuschung,
die Verleugnung, die Ignoranz gegenüber den Al-ternserscheinungen
sowie die Optimierung der praktischen Lebensführung und der
kulturellen
Rahmenbedingungen stützen. Die gesellschaftliche Entbindung von
der
Erwerbsarbeit kann in einem Moratorium zwischenbilanzierend und
zukunftsweisend
genutzt werden (Veelken 1990). Ludger Veelkens Engagement für das
Lernen im Alter, der transpersonalen Reflexion des älter werdens
und
seine Initiativen zur Wiederbelebung des intergenerativen
Zusammen-lebens
sind richtungsweisend (Veelken/Gösken/Pfaff 2001).
Im zeitgenössischen Drehbuch des Alterns werden die gewonnenen
30 Lebensjahre an das Ende des Lebenslaufs statt in die mittleren Jahre
gelegt. Dies führt zu dem tragischen Miss-verständnis der
heute
Fünfzigjährigen, die glauben, die Beibehaltung ihrer
früher
erfolgreich entwickelten persönlichen Identität und
Lebensführung
sei eine gute Voraussetzung für die Gestaltung der kommenden 30
Jahre.
Sie haben in der ersten Lebenshälfte kognitive Land-karten, innere
Leithaltungen, Gewohnheiten und stabile Rollenerwartungen etabliert,
von
de-nen sie sich nun bestimmen lassen und deren effektives Funktionieren
sie nun davon abhält, neue zu entwickeln. Die gedankenlose
Verinnerlichung
der Errungenschaften des früheren Sozialisationsprozesses
führt
sie direkt in die Gefangenschaft ihrer ehemals aktuellen Ausbil-dung,
ihrer
im beruflichen Existenzkampf erworbenen Arbeits- und Lebensauffassung,
ihrer Konsumneigungen und der Aufrechterhaltung gewohnter
Beziehungsarrangements.
Sie fühlen sich auf der Höhe des Lebens tatkräftig und
sachverständig.
Abgesichert und bequem orientie-ren sie sich an den Normen und
Rollenverständnissen
vergehender Lebenszusammenhänge. Machen sie, mit dieser
Erkenntnismacht
ausgerüstet, weiter wie gewohnt, bewegen sie sich einige Jahre auf
diesem Hochplateau, gewöhnen sich routiniert an den Stillstand der
kleinen Abwechslungen und beginnen nach weiteren Jahren der Abstumpfung
eine Talfahrt in die Stagnation zufriedener Selbstsicherheit. In den
Routinen
ihrer Lebensführung warten sie auf der sicheren Seite des Lebens
auf
das, was ihnen die Zukunft zu bieten hat. Wenn sie jetzt keine
Dekonstruktion
ihrer verfestigten Identität einleiten, mit der sie sich über
die Werte der gesellschaftlichen Leistungsmuster hinaus transformieren,
führen sie sich mit ihren Einstel-lungen aus der ersten
Lebenshälfte
direkt in die unbewusste Akzeptanz der gesellschaftlichen
Altersstereotypen,
der kulturellen Abwertung von innerer Reife, des alternsgebundenen
At-traktivitäts-
und Wertverlustes, der Klischees, Alter sei verbunden mit dem Verlust
von
Fä-higkeiten und Kräften sowie der restriktiven Abgrenzung
gegenüber
den 'wirklich Alten', mit denen sie nichts gemein haben wollen. Wer dem
konventionellen Rollenmodell folgt, drosselt sein Tempo, stabilisiert
stolz
auf das Erreichte sein Sicherheitsgefühl, vereinfacht das Leben
und
wartet zufrieden ab, was noch kommt. Diese Lebensführung verliert
mittelfristig jegliche Dynamik und Kraft, weil ihre Führer in
völliger
Verkennung ihrer Situation im Aufbrauchen des Erreichten (wie der
Hamster
im Laufrad rennend) verharren. Als Realisten müssen sie
spüren,
dass ihnen die verlängerte Lebenserwartung den Samen eines zweiten
Entfaltungspro-zesses in den Schoß gelegt hat. In der zweiten,
vertiefenden
Selbstrealisierung entfaltet sich das innovative Potential der
Intuition
für eine Lebensführung aus der reflexiven inneren
Komplexität.
Wer die früher erlernte Einstellung, niemals zu den Alten zu
gehören,
als Wunschvorstellung entlarvt und überwindet, nutzt die Chancen
einer
fundamentalen Erneue-rung seiner Identität und Lebensführung.
In dem vom Autor entwickelten Selbstbildungpro-gramm der
'visionären
Lebensführung' (siehe www.theragogik.de) nutzt man seine
Erkennt-niskraft
zur Dekonstruktion der verinnerlichten Identifikationsmuster. In den
Selbsterfor-schungsprozessen
des Jahreskurses der visionären Lebensführung erkunden die
Menschen
zunächst die Widersprüche der mittleren Lebensjahre und
befreien
sich in täglichen Selbstbe-obachtungen von angenommenen normativen
Einstellungen und einengenden inneren Haltun-gen. In einer aktuellen
Lebenszwischenbilanz
klären sie ihre Lebensrichtung und finden hu-morvoll durch
Widerstände,
Selbstprüfungen, Angst, Schmerz, Zorn und Trauer ihre innere
Quelle.
Befreit vom biographischen Ballast und der Jedermanns(frau)orientierung
entwickeln sie in kleinen alltäglichen Schritten die Vision ihrer
langfristig ausgerichteten, immanent-transzendenten Lebensphilosophie.
4. Zeitloses Altern
Am ganzen Körper spüre ich die Wärme des Sommertages.
Kaum hörbar leise gleitet der Strom eines Windhauchs von
draußen
durch das geöffnete Fenster. Mit ihm schwingt sich die
Fenstergardine
leicht in den Raum und schwebt zurück an den Sims. Der warme
Luftzug
streicht sanft über unbekleidete Hautstellen. Vom Stress gehaltene
Muskelstränge dehnen sich entspannend. Ein weich fließendes
Energiegefühl löst die Starre in empfindsames Wohlgefallen
auf.
Von draußen tönen Straßengeräusche in meine
Ohren,
dazwischen hin und wieder schwache, sich verflüchtigende
menschliche
Laute, das Brummen eines Flug-zeuges schwirrt in den Raum und
verschwindet
sich abschwächend, den Geräuschstrom in den Aufschlag eines
schweren
Hammers weiterreichend; in dessen Hall mischt sich eine Brise
Kaffeegeruch
und treibt an meiner Nase vorbei. Für einen Augenblick drängt
sich knackend der Holzfußboden in meine Gehörgänge,
überlagert
das Seufzen meines Nachbarn und schon spielt der nächste Solist
dieser
ewig zeitlosen Sinnensinfonie seine Melodie in meine Ohren. Langsam
komme
ich innerlich hier an, realisiere ich spürend meine psycho-mentale
Anwesenheit in dieser Szenerie.
Jetzt öffnen sich meine Augen in die Helligkeit und mein
dezentriertes
Schauen sinkt in den Blick meines Gegenübers, der ruhig in mir
auftaucht.
Unsere aufblickenden Augen vereini-gen sich in ruhendem Ineinander. Um
die offenen Augen meines Gegenübers bildet sich ein
männliches
Gesicht, sein wohlgeformter Körper, die Stuhllehne, die Wand
dahinter,
der Raum um dieses Arrangement, zwischen uns, um uns. Unmerklich weitet
sich mein Lei-bempfinden dehnend in die Stille dieses dauernden
Augenblicks.
Ein leises, wohliges Pul-sieren breitet sich in mir aus. Mit jedem
Atemzug
intensiviert und dehnt sich ein honigsüßes Gefühl in
meiner
Brust, löst meine geistige Fassung in Irrelevanz auf. Meine
leiblichen
Be-grenzungen vibrieren mit dem reflektierenden Sonnenspiel des Raumes,
werden durchlässig und schwingen sich ein in die Resonanzen des
Raumes.
Ich spüre den Boden unter meinen Füßen, ein
Getragensein
auf der harten Fläche unter den Sitzknochen, mein Rücken
ver-fließt
mit der Lehne. Irgendwo zwischen meinen Ohren erklingt leise ein Ton
und
verliert sich über ein schwächer werdendes, kaum
wahrnehmbares,
tiefes, brummendes Wabern. Ohne Ankündigung, völlig
unerwartet
ist Stille in der Kulisse. Obwohl vollkommen wach, bemerke ich nicht,
wie
eine ungewohnte Imputation mit dem Wahrgenommenen sich reali-siert.
Nichts
ist geschehen, alles noch genau so wie gerade eben. Keine Frage danach,
wer diese Erscheinungen (für) wahr nimmt, wer wovon wahrgenommen
wird.
Die Augen des Meisters in mir wärmen und weiten auf
unerklärliche
Weise angenehm friedlich diesen un-persönlichen Zustand stiller
Fülle,
in der alles unverändert ist und doch so frisch und
unbe-rührt
erkennt sich das Gewahrsein in dieser vollkommenen Anwesenheit, die,
vollständig
mit dem Gegebenem identisch nichts ausgrenzt, offen in jede neue
Erscheinung
sich be-zeugt, und wach weiter nichts ist als präsent und in
dieser
Bereitschaft mit dem Anwesenden voller Vertrauen in stiller Liebe ruht,
bewegungslos dezentriert im Ortlosen, Zeitlosen, Formlosen.
Wie oft habe ich den Fuß gehoben für den entscheidenden
Schritt in das Nichtwissen der Identifikationslosigkeit? Unerwartet kam
die Gnade des Getragenseins durch die Realisation selbst in der
gewöhnlichen
Gestalt lebender Meister. Das unmittelbare Schauen gelangt zeitlebens
nie
über die Gegenwärtigkeit des Augenblicks hinaus und dabei
erscheint
die per-sönliche Besonderheit so klein und unwichtig und zugleich
in ihrer Existenz so geliebt und wie alle Besonderungen alle Liebe des
Seins vollständig unfassbar in sich tragend. Wir kön-nen uns
nicht wissen, aber uns ist es als scheinbare Abspaltung im Unfassbaren
möglich, Vielfältiges einzubilden. Alle Äußerungen
unserer menschlichen leiblichen Form in all ihren Farben und
Klängen
führen uns in unsere Auflösung, und so bleiben wir ewig
ungeformt,
in diesem stillen Tanz der Resonanz, der uns bewegt in uns und durch
uns
und um uns herum. Wer sich nicht von sich entfernt, reist nur im
Bewußtsein.
Wer nichts besitzt, verliert nichts. Was nicht geboren ist, stirbt
nicht.
5. Abschließend mittendrin
Alle biogenetisch programmierten Körper altern und verfalten sich.
Die Organ- und Haut-säcke in der Zeit verfallen zum Humus für
kommende Generationen, in denen sie sich gei-stig transformiert erneut
spiegeln. Manchmal verlöschen die geistigen Kräfte zur
Inszenie-rung
der subjektiven Weltbezüge mit dem Körper, manchmal zuvor.
Was
kann mit fort-schreitender Lebenszeit die Kultivierung seines
emotionalen
Ausdrucksvermögens mehr erreichen als konventionelles Erstarren?
Die
Erlebnishungrigen umarmen sich in den Pro-zessionen ihrer
illusionären
kognitiven Landkarten, immer auf der Suche nach gesteigerter
Bewusstheit.
Ist das Leben nützlich, erfolgreich, ehrenvoll ästhetisch?
Sind
wir Reisende, die ihre Erscheinungsexistenz an das vorübergehende
Mitgenommen-Werden binden? In der willentlichen Ausrichtung der freien
Aufmerksamkeit auf die reine Präsenz realisiert sich die
vollkommene
Freiheit der Schöpfung, die sich in ihren Erscheinungsformen in
ewiger
Stille gleichzeitig kreiert, bewahrt und zerstört. Alle
menschlichen
Identitäten in den viel-fältigen Formen gesellschaftlicher
Selbstbespiegelung
altern und verschwinden. Wer dank des Identitätslernens
weiß,
wer er/sie ist, kann dafür sorgen, zu realisieren, wer in
Wach-heit
da ist, vor der persönlichen Erfahrung mit ihren Fragen und
Antworten.
Sind wir das Unfassbare, das still die Formel A = A und damit das
Identisch_Sein
mit sich im Gebrauch seiner selbst im großen Stil eines
allumfassenden
Superegos realisiert? Die Präsenz ist al-terslos, weil sie schon
immer
da ist, bereits da ist, bevor die sich entwickelnden
Erschei-nungskörper,
Gefühle und Intelligenzen etwas von sich erkennen und wissen.
Unpersönliches
Sein existiert in und zwischen allen Formen, und realisiert sich
unabhängig
von jegli-chem Verlangen zu wissen, wer wir sind. In dieser
Zeitlosigkeit
vollbringen sich engagiert die Schöpfungsvisionen.
Literatur
Baudrillard J., 1998: Im Horizont des Objekts, Graz
Behringer L., 1998: Lebensführung als Identitätsarbeit,
Frankfurt
am Main, New York
Dülmen van R., Hg., 2001: Die Entdeckung des Ich, Köln
Hildebrandt E., Hg., 2000: Reflexive Lebensführung, Berlin
Jullien F., 1999: Über die Wirksamkeit, Berlin
Kudera W., Voß G.G., Hg., 2000: Lebensführung und
Gesellschaft,
Opladen
Levita de D. J., 2002: Der Begriff der Identität, Gießen
Platta Holdger, 1998: Identitätsideen, Gießen
Projektgruppe 'Alltägliche Lebensführung', Hg., 1995:
Alltägliche
Lebensführung, Opladen
Ritsert J., 2001: Soziologie des Individuums, Darmstadt
Schäuble G., 1995: Sozialisation der jungen Alten vor und nach
der Berufsaufgabe, Stutt-gart
Simmel G., 1984: Das Individuum und die Freiheit, Berlin, 4. Aufl.
Simmel G., 1999: Grundfragen der Soziologie (Individuum und
Gesellschaft),
in: ders. Ge-samtausgabe Bd. 16, Frankfurt am Main
Veith H., 2001: Das Selbstverständnis des modernen Menschen,
Frankfurt
am Main
Veelken L., 1990: Neues Lernen im Alter, Heidelberg
Veelken L., Gösken E., Pfaff M., Hg., 2001: Alter und Aufbruch
in neue Lebens- und Wissenschafts-Welten, Oberhausen
Voß G.G., Weihrich M., Hg., 2001: tagaus - tagein, München
und Mering
Weihrich M., Voß G.G., Hg., 2002: tag für tag, München
und Mering
www.theragogik.de (insbes. Bildung und 'visionäre
Lebensführung')
Autor:
Dr. Gerhard Schäuble, (1950), Privatdozent für Soziologie
an der Universität Bremen, Geschäftsführer des Instituts
für Theragogik® in Bremen, - Selbsterforschung, Meetings in
Stille
und Resonanz, Prozessbegleitung in der visionären
Lebenführung®,
Veranstaltungen zum nachberuflichen Leben